Kaffee, Kuchen und ein Gang durch die Welt der Blinden
DIE SÜDOSTSCHWEIZ AM SONNTAG/Simon Fischer - Hilfsorganisationen, die sich keine teuren Werbekampagnen leisten können, müssen auf Tuchfühlung mit der Bevölkerung gehen, um Spenden zu generieren. Etwa in Horgen am Zürichsee am Tag der Menschen mit Behinderung.
Es ist ein trüber Morgen an diesem 3. Dezember. Nicht unbedingt das Wetter, bei dem sich die Passanten im Zentrum von Horgen (Zürich) gerne im Freien aufhalten. Estrina Stalder lässt sich davon aber nicht entmutigen. Sie ist Leiterin der Arbeitsgruppe für behindertengerechtes Leben in Horgen, die im Dorfzentrum eine Standaktion organisiert hat. «Obwohl bei uns alles auf Freiwilligenarbeit basiert, sind wir auf Spenden angewiesen », sagt sie. Die paar Spendentöpfe, die von Interessierten mal mit Münz, mal mit grösseren Beträgen gefüttert werden, können nicht darüber hinwegtäuschen.
Das Geld ist vorerst nebensächlich
Trotzdem, an diesem Samstag, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, geht es nicht in erster Linie darum, möglichst viel Geld einzunehmen. Vielmehr will die Arbeitsgruppe in der Adventszeit direkt mit der Bevölkerung – und damit mit potenziellen Spendern – in Kontakt treten, um zu zeigen, was sie auf lokaler Ebene für Menschen mit einer Behinderung leistet. Und das ist nicht wenig. Was das Abbauen von Alltagshürden für Behinderte angeht, ist Horgen in den letzten Jahren zu einer Vorzeigegemeinde geworden. Randsteine von Trottoirs und Eingänge öffentlicher Gebäude wurden rollstuhlgängig gemacht, Bankomaten auf Sitzhöhe angebracht. Der hartnäckige Einsatz der Arbeitsgruppe ermöglichte es gar, im denkmalgeschützten Gebäude der Gemeindebibliothek einen behindertengerechten Lift einzubauen. «Das war zwar ein hartes Stück Arbeit, aber es hat sich gelohnt», meint Stalder rückblickend. Besonders stolz ist sie ausserdem auf den Führer «Horgen für Menschen mit Mobilitätsbehinderung». Dieser sei schon «sehr speziell», sagt Stalder, denn er helfe Behinderten, sich in der Gemeinde zu bewegen – etwas, was es an den meisten Orten leider noch nicht gebe.
Tastend durch die Welt der Blinden
Nach und nach nimmt der Betrieb auf dem Dorfplatz zu. Drei Schwyzerörgeler sorgen für volkstümliche Stimmung, die manche Familie, die sich auf dem Heimweg vom samstäglichen Einkauf befindet, zum kurzen oder längeren Verweilen animiert. Die Eltern decken sich am Verpflegungsstand mit Kaffee und Kuchen, Suppe und Hotdogs ein, während die Kinder schnurstracks aufs Erlebnismobil der CBM Christoffel-Blindenmission zusteuern. Auf Einladung der Veranstalter ist die Hilfsorganisation mit diesem Kleinlaster angereist, der einen Eindruck vermitteln soll, welchen Herausforderungen blinde Menschen gegenüberstehen. Im Innern ist es finster, der Boden und die Wände sind mit allerlei Hindernissen versehen. Zwei Mädchen tasten sich mit Blindenstöcken einen Weg durch die Dunkelheit – erst zaghaft, dann mit zunehmender Sicherheit. «So cool», ruft eine von ihnen beim Ausgang und rennt sofort zurück, um es nochmals zu versuchen.
Stefan Leu von der Blindenmission, der Interessierte vor dem Mobil instruiert, ist sich solche Szenen gewohnt. «Der Gang durch die Dunkelheit sensibilisiert für die Situation, in der sich blinde Menschen befinden», sagt er. Trotzdem, besonders spendenwirksam seien solche Aktionen nicht. «Aber sie tragen dazu bei, unsere Organisation bekannter zu machen – und vielleicht denkt der eine oder andere Spender dadurch in der Weihnachtszeit auch an uns und nicht nur an die grossen, bekannteren Hilfswerke », so Leu.
Ganz besonders freut er sich darüber, dass die Privatspender – die bei der Blindenmission den Löwenanteil ausmachen – im letzen Jahr mehr Geld haben springen lassen als üblich. «Und das trotz der Wirtschaftskrise», sagt Leu, «die wir bei den Firmenspenden schon spüren.» Für ein mittelgrosses Hilfswerk wie die Blindenmission sei solche Solidarität immens wichtig, erklärt er – und verteilt noch ein paar Blindenstöcke.
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Suedostschweiz_am_Sonntag_11122011.pdf [161 K]



