Nichtübertragbare Krankheiten – Uno-Gipfel mit Schlagseite

Donnerstag 06. Oktober 2011 11:16Alter: 139 days

NZZ - Nichtübertragbare, chronische Krankheiten entwickeln sich weltweit zu einer Gefahr für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Die Uno widmete ihnen eine Gipfelkonferenz in New York – allerdings mit einer zu eingeschränkten Perspektive.

Von Matthias Leicht-Miranda und Josef Kasper

Leela wird am Grauen Star operiert.

Der Uno-Gipfel zu den nichtübertragbaren Krankheiten hat ein starkes Signal gesendet: Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf- und Atemwegs-Erkrankungen werden endlich als eine globale Herausforderung ernst genommen, welche weltweit die Gesundheitssysteme belastet und die Wirtschaftsleistungen einschränkt. Mehr als die Hälfte der vorzeitigen Todesfälle in Entwicklungs- und Schwellenländern sind auf diese Krankheiten zurückzuführen – sie sind damit längst nicht mehr nur ein Wohlstandsproblem. Nur treffen sie in den Entwicklungsländern auf Gesundheitssysteme, die weder über die Technologie noch über genügend Gesundheitspersonal und Medikamente verfügen, um diesen Krankheiten zu begegnen.

Auch ein Armutsproblem

Die politische Schlusserklärung des Uno-Gipfels ist umfassend angelegt und in den Passagen stark, in denen sie die sozialen Faktoren, welche die Gesundheit beeinflussen, anerkennt. Armut, die ungleiche Verteilung von Wohlstand oder mangelnde Bildung beeinflussen die Gesundheit der Menschen negativ. Richtigerweise folgert die Deklaration daraus, dass die Menschen in ihren Rechten gestärkt werden müssen, um die Möglichkeit zu haben, einen gesunden Lebensstil zu wählen. Wichtig ist auch die Einigkeit darüber, dass der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die führende Rolle zukommt, um die globale Herausforderung der nichtübertragbaren Krankheiten anzugehen. Bis Ende 2012 soll sie einen Katalog von freiwilligen globalen Zielen und Massnahmen entwickeln, um die Prävention und Behandlung der nichtübertragbaren Krankheiten zu verbessern.


Dass die WHO nicht geschwächt aus den Verhandlungen in New York hervorgeht, war nicht immer klar. In den Diskussionen im Vorfeld lag auch die Idee auf dem Tisch, einen neuen globalen Fonds zur Bekämpfung der nichtübertragbaren Krankheiten zu gründen. Damit sollte neben der WHO ein mit dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria vergleichbares Instrument geschaffen werden.


Der Vorschlag hatte kaum Chancen auf Verwirklichung. Ganz abgesehen davon, dass angesichts der Schuldenkrise der Zeitpunkt dafür ungünstig ist, ist ein solcher Fonds aus entwicklungspolitischer Sicht abzulehnen: Krankheitsspezifische Ansätze drohen die Gesundheitssysteme zu schwächen, da sie an der bestehenden Infrastruktur vorbeigeführt werden. Die Prävention und Behandlung chronischer Krankheiten muss stattdessen in die bestehende Basisgesundheitsversorgung integriert werden – nur so kann ihnen langfristig
begegnet werden.


Es ist also gut, dass der Uno-Gipfel nicht auf diesen Ansatz eingegangen ist. Und trotzdem wären die Handlungsmöglichkeiten für die internationale Politik grösser gewesen. Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob es genügt, die Lebensmittel- und die Alkoholindustrie zu einem freiwilligen Engagement zu laden, oder ob sie regulatorisch in die Pflicht genommen werden müssten.


Denn die Ausbreitung der chronischen Krankheiten hat mit der Globalisierung zu tun: Die weltweite Verbreitung des westlichen Lebensstils und die Verstädterung haben innert weniger Jahre gesundheitsschädliche Produkte wie Tabak, Alkohol oder übermässig salz- und fetthaltige Fertignahrung für breite Bevölkerungskreise zugänglich gemacht. Die Fertignahrung ist oft billiger als gesunde Nahrungsmittel und wird aggressiv vermarktet. Die Schlusserklärung des Gipfels unterstreicht zwar die Bedeutung der damit verbundenen Risikofaktoren und deutet die Möglichkeit an, dass Einschränkungen im Marketing und regulatorische Massnahmen hier effizient wirken könnten. Sie weicht aber klaren politischen Massnahmen aus, obwohl es mit dem bestehenden Rahmenabkommen zur Eindämmung des Tabakkonsums bereits ein wirksames Vorbild gäbe.


Der Gipfel konzentrierte sich auf nur vier (eingangs erwähnte) Krankheiten. Ausschlaggebend dafür war, dass diese für 60 Prozent der Todesfälle weltweit verantwortlich sind. Kämen als Kriterium die gelebten Jahre mit Behinderung hinzu, müsste der Gipfel als fünfte Krankheitsgruppe die psychischen Störungen einbeziehen. Diese teilen Risikofaktoren wie Alkohol mit den anderen nichtübertragbaren Krankheiten und stellen ähnliche Anforderungen ans Gesundheitssystem. Grauer Star und Glaukom (grüner Star) sind weitere nichtübertragbare Krankheiten, die der Gipfel nicht thematisiert hat, obwohl 24 Millionen Menschen weltweit derentwegen erblindet sind. Die Behandlung des
grauen Stars ist nachweislich eine sehr kosteneffiziente Möglichkeit, die Lebensqualität von Millionen von Menschen zu verbessern.

 

In die Schlusserklärung hätten Menschen mit Behinderung konsequenter einbezogen werden sollen. Einerseits sind sie ebenfalls stark von nichtübertragbaren Krankheiten betroffen und bezüglich Lebensbedingungen wie des Zugangs zu Gesundheitseinrichtungen stark benachteiligt. Andererseits führen nichtübertragbare Krankheiten oft zu Behinderungen.

Aufgaben für die Schweiz

In den Entwicklungsländern stellen die chronischen Krankheiten für die mit HIV, Tuberkulose und Malaria bereits oft überforderten Gesundheitssysteme eine zusätzliche Belastung dar. Genau hier könnte die Schweiz ansetzen. Indem sie sich mehr für globale Gesundheit engagierte und sich in der Entwicklungszusammenarbeit stärker auf die Entwicklung von Gesundheitssystemen in armen Ländern konzentrierte, könnte sie einen zentralen Beitrag gegen die globale Epidemie der chronischen Krankheiten leisten. Die Schweiz steht hier als Standort verschiedener multinationaler Konzerne der Lebensmittel- und der Tabakindustrie durchaus in einer spezifischen Verantwortung.


Statement
Jeanette Macchi, Moderatorin «Fenster zum Sonntag».

Jeanette Macchi, Moderatorin «Fenster zum Sonntag»

«Mit nur 50 Franken bereits kann ich einem Menschen das Augenlicht zurückgeben. Das ist für mich eine sinnvolle Investition und christliche Nächstenliebe.»

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