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Dieser Blinde sieht die Unsichtbaren

22. Januar 2019

Tages-Anzeiger - Der Pakistaner Talal Waheed kämpft um die Anerkennung der Bedürfnisse behinderter Menschen in Naturkatastrophen.

In einem Grossraumbüro aufgenommenes Porträt eines blinden Mannes aus Pakistan.
Erblindete als Jugendlicher: Talal Waheed.

Eigentlich, dachten die Behörden in Bangladesh, hatten sie für die Katastrophe vorgesorgt. Die Sundarbans sind ein tief gelegenes, von unzähligen Flussarmen durchzogenes Regenwaldgebiet am Golf von Bengalen. Auf den abgelegenen Inseln warnten die Moscheen per Lautsprecher früh vor der Sturmflut des Wirbelsturms Aila. Nur: Gehörlose Menschen konnten den Alarm nicht wahrnehmen. Und für alle anderen gab es nur einen Ausweg: auf Hausdächer oder Bäume zu klettern. Schwierig für Menschen mit körperlichen Behinderungen.

Das war 2009. Das Problem ist seither erkannt, die Katastrophenpläne umfassen nun auch die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Das Frühwarnsystem ist ausgebaut, neue Schutzräume sind barrierenfrei.

Das ist das Spezialgebiet von Talal Waheed. Der Pakistaner berät Hilfswerke und Katastrophenschutzorganisationen dabei, Menschen mit körperlichen Behinderungen in ihre Projekte mit einzubeziehen. «In vielen Entwicklungsländern werden die Bedürfnisse von Behinderten vernachlässigt», sagte Waheed kürzlich bei einem Besuch in der Schweiz. «Dabei ist die Verletzlichkeit von Menschen mit Behinderungen besonders hoch, vernachlässigt werden oft aber auch die Bedürfnisse von älteren Personen, von Frauen und Kindern.»

Waheed ist nicht nur Fachmann, sondern auch Betroffener. Wegen einer Augenkrankheit ist er als Jugendlicher erblindet. Gerade darum erkennt er, was andere nicht sehen oder übersehen. Selbst für Hilfswerke sind Menschen mit Behinderung oft so gut wie unsichtbar. Sie richten ihre Angebote auf diejenigen Betroffenen aus, die mobil, erreichbar und selbstständig reaktionsfähig sind.

Das hat Folgen. Beim Erdbeben und Tsunami 2011 in Japan war die Sterblichkeit unter Menschen mit Behinderungen doppelt so hoch wie beim Rest der Bevölkerung. Und drei Viertel der 1800 Todesopfer des Orkans Cathrina 2005 in den USA waren über 60 Jahre alt, viele davon schon vor der Sturmflut gesundheitlich beeinträchtigt.

Seine Tätigkeit führt Waheed rund um die ganze Welt. Im letzten Herbst war er in der kriegsversehrten Ukraine, vorher in Afrika, vor allem in Kenia, Tansania und Burundi. Aktuell ist er für die CBM Christoffel-Blindenmission unterwegs, einem internationalen christlichen Hilfswerk, das die behindertengerechte Katastrophenvorsorge zu seinen Kernaufgaben zählt.

Aufgewachsen ist Waheed in Pakistans Hauptstadt Islamabad. Als er erblindete, besuchte er eine Spezialschule. Anpassungsfähig, lernwillig und ehrgeizig wie er war, absolvierte er später die höheren Ausbildungen und die Universität gemeinsam mit Menschen ohne Behinderungen. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und führt das typische Leben des hoch spezialisierten Fachmanns, der für seine Kunden um die Welt jettet. Übrigens trotz seiner Behinderung weitgehend selbstständig. 

Seine Lebenserfahrungen prägen seine Auffassungen darüber, wie die Hilfe für Behinderte aufgegleist werden soll: Überall, wo er ist, plädiert er dafür, nicht zuerst Unterstützung anzubieten. Es geht vor allem darum, sagt er, die Bedürfnisse zu erfragen und die Möglichkeiten zur Selbsthilfe zu mobilisieren und auszuschöpfen. 

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