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Selbstsicher durch Kathmandu

5. März 2018

tactuel - Sarita Lamichhane ist eine selbstbewusste Frau. Von Geburt an blind, hat sie sich immer hohe Ziele gesetzt – sie wollte nach der Schule ein Studium machen, sich ihren Lebensunterhalt selber verdienen. Auf ihrem Weg hat sie viele Barrieren überwinden müssen. Denn in Nepal gelten Frauen mit Behinderung als Bürgerinnen zweiter Klasse. Überzeugt davon, dass das anders werden muss, setzt sich Sarita mit vollem Elan für blinde und sehbehinderte Frauen ein. Um von Schweizer NGOs und Behörden zu lernen, kam die 27-Jährige im Dezember 2017 auf Einladung der CBM Christoffel Blindenmission in die Schweiz.

Ein blinde Frau mit Langstock geht auf einem Weg entlang von weissen Leitlinien. Weitere Personen spazieren auf dem Weg.
«Leitlinien gibt es in Nepal nicht», erzählt Sarita Lamichhane. Bild: Nina Hug.

In Nepal gilt eine Behinderung vielfach als Fluch der Götter. Wer zum Beispiel blind ist, oder gehbehindert, lebt mit einem Stigma und gilt als Bürger zweiter Klasse. Insbesondere Frauen, deren Stellung in der patriarchischen Gesellschaft ohnehin untergeordnet ist, sind mit einer Behinderung oft ausgegrenzt und ohne Möglichkeit, ein selbständiges Leben zu führen, berichtet Sarita.

Sie selber habe das Glück, eine sie unterstützende Familie zu haben. «Meine Eltern lebten auf dem Land. Als ich als ihr erstes Kind geboren wurde, merkten sie bald, dass mit meinen Augen etwas nicht stimmt. Aber erst als ich zwei Jahre alt war, konnten sie mit mir zu einem Arzt gehen», erzählt sie ihre Geschichte. Der Arzt habe ihren Eltern Hoffnung gemacht und gesagt, die Tochter müsse viel Eiweiss essen, dann könne sie vielleicht wieder sehen. «So ass ich in meiner Kindheit eine Menge Eier, aber das Sehen habe ich deshalb nicht wieder erlangt», lacht Sarita.

Als es um ihre Einschulung ging, habe der Vater eine passende Schule gesucht. Acht Stunden Fussmarsch entfernt, gab es eine Internatsschule, die auch eine Brailleklasse hatte. «Meine Eltern und Grosseltern teilten sich auf, um mich jede Woche in die Schule zu bringen und wieder zu holen. Sie trugen mich auf ihrem Rücken in die Schule bis ich 9 Jahre alt war.» In der Brailleklasse seien ihre Schulkameradinnen jedoch alle älter gewesen – teilweise schon 12 oder 14 Jahre alt. Damit sei sie selber nicht glücklich gewesen und so setzten sich ihre Eltern dafür ein, dass Sarita, sobald sie Braille lesen und schreiben konnte, in die Regelklasse integriert wurde. «Wenn meine Schul- und später Studienbücher nicht in Brailleschrift zu erhalten waren, las mein Vater mir die Bücher vor oder nahm die von ihm gesprochenen Texte auf Kassette auf, die ich dann abspielen konnte», schildert Sarita die grosse Unterstützung, ohne die sie die Schulbildung nicht hätte absolvieren können.

Audio-Bücher oder PCs mit Bildschirmlese-Programmen sind in Nepal schlicht an den meisten Orten nicht zugänglich. Aber nicht nur die Unterrichtsmaterialien sind eine Hürde. Selbst wenn man dies alles eigenständig organisiert, stellen die Prüfungen eine nächste Barriere dar. So erzählt Sarita von einer grossen Enttäuschung: „Im Studium hatte ich für die Prüfungen Unterstützung durch eine Schreiberin, der ich meine Texte diktierte. Mein Lehrer warf mir vor, dass nicht mein Wissen im Text wiedergegeben würde, sondern das der Schreiberin. Ich wehrte mich, denn die Schreiberin war viel jünger und konnte das Wissen gar nicht haben. Trotzdem erhielt ich nur ein «Secundary Grade».

Nach dem Studium der Geisteswissenschaften habe sie zahlreiche Bewerbungen geschrieben, sagt Sarita. Immer wieder sei sie abgelehnt worden – «und alles nur, weil ich blind bin». Aber aufgeben zählte nicht – Sarita engagierte sich bei verschiedenen NGOs für ihr eigenes Projekt: Selbstverteidigungskurse für blinde und sehbehinderte Frauen.

Als blinde Frau, die sich selbständig bewegt, mit Bus und Bahn unterwegs ist, sei sie häufig sexuell belästigt worden: «Viele Männer nutzen die Situation blinder Frauen schamlos aus: sie betatschen und grabschen unter dem Vorwand, zu helfen. Wenn ich gefragt habe, warum sie das tun, sagten sie nur, du siehst mich ja eh nicht», erzählt Sarita. Um sich wehren zu können, hat sie angefangen, sich für Selbstverteidigung zu interessieren. Und entwickelte so die Selbstverteidigungskurse für blinde und sehbehinderte Frauen.

Mit diesem Projekt bewarb sie sich bei kanthari.org, einer Organisation in Indien, die Leadershiptrainings für Menschen mit einer Sozialen Mission und Vision anbietet, und wurde angenommen. Zeitgleich erhielt sie endlich eine positive Antwort auf ihre Bewerbungen – und hätte eine feste Anstellung gehabt bei einer staatlichen Organisation. Das hättet bedeutet: gesichertes Einkommen, gute Sozialleistungen. Hin- und Hergerissen zwischen diesen beiden Optionen, folgte sie ihrem Herzen und ging nach Indien.

Heute arbeitet Sarita bei der NGO Nepal Disabled Women Association (NDWA), einer Partnerorganisation der CBM, und engagiert sich dafür, dass Frauen mit Behinderungen selbstbestimmt leben können. Sie zeigt blinden Frauen, wie sie selber kochen können, sich selbständig mit dem weissen Stock bewegen können, wie sie sich gut kleiden können. Sie organisiert Kurse, in denen Frauen mit einer Behinderung eine Computerausbildung bekommen oder lernen, sich mit einem Mikrokredit selbständig zu machen. Und sie bringt diese Frauen in Selbstverteidigungskurse, an denen sie lernen, sich zuerst verbal und wenn nötig auch körperlich zur Wehr zu setzen.

«Ich will blinde Frauen sehen, die alltägliche Arbeiten selbstständig ausführen können, ich will blinde Frauen sehen, die auf dem grossen Arbeitsmarkt konkurrenzfähig sind, und ich will blinde Frauen sehen, die selbstsicher durch die Strassen von Kathmandu laufen und sich selber verteidigen können. Das ist meine Vision, für die ich lebe», fasst Sarita eindrücklich zusammen, was sie bewegt.

In der Schweiz habe sie sich mit vielen Organisationen vernetzen können. Sie habe Ideen gesammelt, die sie nach Nepal bringen möchte. Vor allem der natürliche Umgang mit behinderten Menschen habe sie hier beeindruckt. Dieses Mindset wolle sie gerne mitnehmen. Denn, so Sarita: «Wir sind nicht hilflos. Wir sind Menschen mit einem Nachteil und müssen daher andere Türen öffnen, als Menschen die ohne diesen Nachteil leben.»

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