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«Zuletzt gaben wir die Hoffnung auf»

22. Februar 2018

AGILE.CH - Armut, keine oder falsche Hilfe, Vorurteile – wer in den Entwicklungsgebieten ein Kind mit Behinderungen hat, ist oft ratlos und alleine gelassen. Über gemeindenahe Dienste bringt die CBM Christoffel Blindenmission fachgerechte Unterstützung und neue Hoffnung. So im ostindischen Bundesstaat Assam.

Ein taubstummer Mann aus Indien zeigt mit seinen Fingern, wie viel die Veloreparatur kostet. Neben ihm steht ein Kunde mit seinem Fahrrad.
Sajud gebärdet einem Kunden, wie viel die Veloreparatur kostet.

Sajud sitzt in seiner Velowerkstatt. Passanten winken ihm freundlich zu oder erkundigen sich durch Gesten, wie es ihm gehe. Der 32-Jährige antwortet mit frohen Gebärden. Hören und sprechen kann Sajud nicht. Theresa, seine hörende Ehefrau, übersetzt: «Heute führt Sajud das unabhängige und ehrbare Leben, von dem er immer träumte.»

Doch das Happy End liess sich Zeit. Sein Vater blickt zurück: «Bis er zehn Jahre alt war, konsultierten wir Ärzte und traditionelle Heiler. Jedoch ohne Erfolg. Zuletzt gaben wir die Hoffnung auf, Sajud würde jemals hören oder sprechen können.» Nie besuchte Sajud eine Schule, und das Spielen mit anderen Kindern blieb ihm verwehrt. «Einst wollte ich ihn zur Schule schicken», fährt der Vater fort. «Doch der Lehrer fragte, wie denn ein Kind ohne Hörvermögen lesen und schreiben lernen solle. Da beschlossen wir, Sajud zu Hause zu behalten. Also begleitete er mich aufs Feld und ging mir zur Hand. Er half mir von morgens bis abends. Mit vierzehn konnte Sajud sowohl das Feld als auch das Vieh besorgen. Von da an stiegen unsere Erträge so sehr an, dass ich als Nebenerwerb Gemüse verkaufen konnte.»

CBM arbeitet inklusiv und gemeindenah

Sajud ist dreiundzwanzig und Theresa fünf Jahre jünger, als sie heiraten. Ihrer Ehe entspringen zwei hörende, gesunde Kinder. Rund fünf Jahre lang arbeitet Sajud weiterhin bei seinem Vater. Doch als Konflikte aufbrechen, entscheidet sich das Paar, unabhängig zu leben. Zwei Jahre lang schuftet Sajud in einem Steinbruch, bis seine Gesundheit einbricht. Er zieht auf der Suche nach Arbeit umher und lässt sich als Tagelöhner anstellen. «Da hat er im Veloladen eines Freundes das Reparieren von Fahrrädern erlernt», erinnert sich der Vater. «Bald hat er von einer eigenen Velowerkstatt geschwärmt. Zur selben Zeit habe ich vom Programm für Menschen mit Behinderungen erfahren.» Von diesem erhält Sajud einen Mikrokredit, und ein Rehabilitationshelfer berät ihn. Die Kunden seiner Velowerkstatt rühmen ihn: «Keiner in der Region flickt Velos so gut wie Sajud. Wegen seiner Tüchtigkeit und Ehrlichkeit lieben ihn die Leute und respektieren ihn.»

Die CBM Christoffel Blindenmission fördert weltweit Programme der gemeindenahen inklusiven Entwicklung. Dabei geht sie zweigleisig vor. Menschen mit Behinderungen und ihre Familien werden gestärkt mittels Beratung, Training, Schul- und Berufsausbildung sowie Starthilfen. Ebenfalls werden Menschen mit Behinderungen darin unterstützt, Selbsthilfegruppen und Selbstvertretungsvereinigungen aufzubauen und beizutreten. Parallel dazu gehen die CBM-Partner an der Seite der Betroffenengruppen und Familien auf staatliche und private Institutionen zu. Diese werden – beratend und mit politischem Druck – dazu bewogen, die Rechte der Menschen mit Behinderungen umzusetzen. Dies gestützt auf das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, das von zahlreichen Ländern ratifiziert worden ist, darunter auch Indien.

Armut und Ausgrenzung als grösste Barrieren

Der von der CBM geförderte gemeindenahe Dienst in Assam startete 2009. Seitdem hat dieses Gesundheits- und Entwicklungsprogramm auf Gemeindeebene rund tausend Erwachsenen und Kindern ein unabhängiges Leben ermöglicht. Rehabilitationshelfende besuchen die Dörfer regelmässig, wodurch die Menschen mit Behinderungen möglichst früh aufgefunden und gefördert werden.

Ein Kind aus Indien spielt sitzend mit anderen Kindern auf einer Decke und lacht. Zwei erwachsene Personen sitzen ebenfalls bei den Kindern.
Abestons sensorisches Training interessiert auch die anderen Kinder.

Unter ihnen der 4-jährige Abeston. Noch mit zweieinhalb Jahren konnte er weder gehen noch irgendetwas greifen, geschweige denn sprechen. Augenkontakt mit ihm aufzunehmen, gelang selbst den Eltern nicht. Seine Mutter Anima, die im Tageslohn auf Feldern arbeitet wie ihr Mann, trug Abeston dauernd auf dem Rücken. Fielen keine Feldarbeiten an, webte sie Taschen und Halstücher. Doch das Einkommen reichte niemals für die Untersuchung durch einen Kinderarzt. «Wir gaben die Hoffnung völlig auf», so die Mutter. «Nach der Geburt hatte Abeston die ganze Zeit geschrien und sich unkontrolliert bewegt. Er entwickelte sich kaum. Als andere Kinder schon längst gingen, stand er erst. Essen oder auf die Toilette gehen konnte er nur mit Unterstützung. Wir sorgten uns sehr. Was sollte aus ihm werden, wenn er weiterhin für alles Hilfe braucht? Die anderen Kinder wollten kaum mit ihm spielen.» Das Umfeld reagierte nur teilweise unterstützend: «Manche ermutigten uns und rieten zur Geduld. Andere allerdings blickten tadelnd oder beschimpften uns…»

Da stiess ein Rehabilitationshelfer des CBM-gestützten Dienstes auf die Familie. Er liess Abeston im angeschlossenen Spital medizinisch untersuchen. Anschliessend zeigte der Helfer den Eltern Übungen, um Abestons zerebrale Bewegungsstörung nach und nach zu überwinden. Als Abeston ohne Hilfe sitzen und greifen kann, beginnen die Nachbarskinder, mit ihm zu spielen. Nach eineinhalb Jahren Training gelingt es Abeston, erstmals selbstständig zu gehen. Bald kann die Mutter ihn auch einmal alleine zu Hause lassen, während Nachbarn nach ihm sehen: «Ich bin dafür sehr dankbar. So kann ich der Arbeit nachgehen.»

Schulische Inklusion als Gewinn für alle

Vom Rehabilitationsdienst in die Wege geleitet, wird Abeston in den Kindergarten aufgenommen. «Dort singt, tanzt und malt er gemeinsam mit anderen Kindern», schildert die Mutter. «Wenn sein Kopf manchmal zur Seite fällt oder seine Beine unkontrolliert ausschlagen, stört es keines der Kinder mehr.» Ebenfalls erfreut äussert sich die Kindergärtnerin: «Ein Kind mit Behinderungen in der Schule zu haben, war für alle neu. Doch die Kinder haben eine Menge dazugelernt. Mittlerweile ist es für uns normal, Abeston unter uns haben. Er ist einbezogen und sehr ermutigt. So versucht er das Alphabet auszusprechen oder über Zeichnungen zu reden. Sobald die anderen Kinder etwas Neues gelernt haben, versucht auch er es. Abeston will lernen.»

Ein Mann aus Indien zeigt einer Frau, die ihren Sohn auf dem Rücken trägt, Teeblätter. Neben ihnen steht ein weiterer Junge.
Mutter Rena mit Phlabian auf dem Arm erfährt vom Gesundheits helfer, worauf sie beim Teeanbau achten muss.

Lange Zeit niedergeschlagen war auch das Elternpaar Rena und Deben. Ihr dreijähriger Sohn Phlabian war blind, bewegte sich kaum und vermochte trotz aller Anstrengungen nur zu sitzen. Mutter Rena schildert: «Wir sahen viele Ärzte, waren mehrmals in einer Klinik. Dort reinigten sie aber nur seine Augen und entliessen uns mit netten Worten. Nichts besserte sich, wir gaben auf. Schliesslich hatten wir auch kein Geld mehr.» Fachkräfte des CBM-geförderten Dienstes trafen auf die Familie, veranlassten Behandlung und Operation in einer Augenklinik und begannen mit Bewegungstraining. Die Eltern nahmen an Kursen über Behinderungen teil und wurden mit anderen betroffenen Familien in Kontakt gebracht. Zwei Jahre später kann Phlabian selbstständig gehen und erkennt Gegenstände mit den Augen.

Allerdings bereiten gewisse Nachbarn nach wie vor Schwierigkeiten. «Um solch ein Kind zu bekommen, musst du etwas Falsches getan haben», wird die Mutter beschuldigt. Andere fordern sie auf: «Dieses Kind ist eine Last, werde es los!» Kinder äffen Phlabian nach und lachen über ihn. Oft hören die Eltern: «Der Junge hat doch keine Zukunft!» Das alles schmerzt Rena und Deben sehr. «Natürlich sorgen wir uns wegen seiner Zukunft», stellt Mutter Rena klar. «Allerdings hat Phlabian fünf Geschwister. Sie werden ebenfalls für ihn sorgen.» Um die Zukunft Phlabians wirtschaftlich zu sichern, hat der CBM-geförderte Dienst der Familie eine Teepflanzung ermöglicht. Diese ist auf Phlabians Namen eingetragen. Gut gepflegt, erbringt eine solche Pflanzung während fünfzig bis hundert Jahren Ertrag. Eltern und Geschwister erhalten langfristig die finanziellen Ressourcen, um die Aufwendungen für Phlabian zu decken und ihn zu fördern. Die Abwärtsspirale von Behinderung und Armut wird durchbrochen. Und Phlabian kann zunehmend am Leben teilnehmen.

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