Divino Niño - die einzige Chance

Mónica Pérez aus Peru war seit zwei Jahren fast blind. Geführt wurde sie von ihrer siebenjährigen Tochter Nicole. Die völlig verarmte Familie konnte ihre Jüngste nicht mehr zur Schule schicken. Die Wende brachte die Operation in der CBM-gefördeten Augenklinik Divino Niño.

Eine blinde Frau aus Peru mit ihrer Tochter.
Mónica Pérez mit ihrer siebenjährigen Tochter Nicole.

Text: Hildegard Willer, Lima
Bilder: Leslie Searles, Lima

Punchana Baja, Viertel der Ärmsten der Armen von Iquitos. Am Ende eines sandigen Weges mit Pfützen und Schlammlöchern führt ein schmaler Holzsteg über den nassen Boden. Fünfzig Meter weiter steht die Hütte von Mónica Pérez auf rund zwei Meter hohen Pfählen, wie alle Häuser hier. Denn während der Regenzeit von Januar bis April ist alles unter Wasser. Der angeschwemmte Müll ist Mitte Juni noch überall im Schlamm sichtbar. Da die Häuser nicht ans Abwasser angeschlossen sind, mischt sich der alte Müll mit neuen Fäkalien und neuem Müll. Über eine unebene Holztreppe mit sehr hohen Stufen betreten wir Mónica Pérez’ Haus.

Mit ihrer jüngsten Tochter Nicole erwartet sie uns. Tagsüber trägt sie eine dunkle Sonnenbrille, «damit die Augen nicht so weh tun». Die tiefen Furchen, die das Gesicht der 41-Jährigen durchziehen, verraten eine schwere Vergangenheit: Weil ihre Mutter starb, kam Mónica mit zwölf Jahren zu Verwandten. Sie lernte mit 15 Jahren ihren Mann kennen, ein Schreiner mit fester Arbeit im Spital. Die beiden bekamen vier Kinder. Mit ihm – der gut 15 Jahre älter war – lebte sie über 20 Jahre zusammen, «in einer guten Gegend von Iquitos». Bis er vor sechs Jahren starb, und «mein Unglück begann».

Mónica Pérez verlor das Haus, kam im Armenviertel unter und hielt sich mit Näharbeiten notdürftig über Wasser. Aber auch das ging bald nicht mehr. Mónicas Sehkraft liess immer mehr nach, bis sie nur noch hell und dunkel unterscheiden konnte.

Ein Mädchen aus Peru wäscht von Hand Kleider. Ihre blinde Mutter sitzt neben ihr.
«Ich kann nicht mal mehr alleine Wäsche waschen», sagt Mónica. Ihre 7-jährige Tochter Nicole kümmert sich um den Haushalt.

Mónica Pérez geht kaum aus dem Haus. Jemand muss sie die steile Treppe hinunterführen. Zur Behinderung kommt die soziale Scham und Ausgrenzung. «Die Nachbarn rufen mir ‹Blinde› nach, als ob es meine Schuld wäre», beklagt sich Mónica. Im staatlichen Spital wurde fortgeschrittener Grauer Star diagnostiziert. Der Preis für die Operation: rund 500 Dollar. Unerschwinglich für Mónica Pérez, die vor allem von ihrer 22-jährigen Tochter Gloria lebt. Gloria ist fliegende Händlerin zwischen dem nahen Brasilien und Iquitos, das muss für alle drei reichen.

Am meisten bedrückt Mónica, dass Nicole nicht zur Schule geht: «Ich kann sie ja nicht hinbringen, und ich brauche sie zu Hause, damit sie mir hilft bei den Hausarbeiten, die ich nicht mehr verrichten kann.» Zudem ist kein Geld da für Hefte. Stifte, Bücher und Schuluniform, die auch die staatliche kostenlose Schule von den Eltern verlangt. Nicole schaut traurig zu, wie die Nachbarmädchen in ihren blau-weissen Schulröcken von der Schule zurückkommen. «Ich kann nicht zur Schule, weil ich meiner Mutter helfen muss», sagt sie leise.

Doch Mónica Pérez ha Hoffnung geschöpft, als sie von der neuen Augenklinik hörte- Dort hat sie sich untersuchen lassen und für den übernächsten Tag einen Termin für die kostenlose Operation bekommen.

Es ist soweit. Die Töchter Gloria und Nicole haben sie zur Klinik begleitet. Eine Krankenschwester verabreicht Augentropfen und hilft beim Umkleiden ins OP-Gewand. Mónica steckt ihr langes schwarzes Haar unter ein Haarnetz. Dann ersetzen Dr. César Gónzalez und die assistierende Krankenschwester Cristina Alfaro sachkundig die getrübte Linse des rechten Auges durch eine Kunststofflinse. Nach 45 Minuten ist Mónica bereits wieder auf dem Heimweg, ein durchsichtiger Plastikschutz vor dem operierten Auge. Am nächsten Morgen nimmt Schwester Alfaro den Schutz ab und säubert das Auge mit einem Wattestäbchen. Dr. Gonzalez bestätigt, dass die OP gut verlaufen ist. Beim Sehtest erkennt Mónica nun die mittelgrossen Buchstaben.

Eine Frau aus Peru zeigt ihrer Tochter das Nähen.
Wieder sehend, lehrt Mónica Pérez ihrer Tochter das Nähen.

Zurück zu Hause, steigt Mónica Pérez alleine die Holztreppe hinauf und herunter. Selbständig balanciert sie auf den 50cm breiten Holzbretten, die aus dem Schlamm herausführen, uns entgegen. «Das erste Mal seit zwei Jahren, dass ich alleine wieder das Haus verlassen kann», sagt sie begeistert.

Gleich probiert sie ob sie wieder genug sieht, um zu nähen. Und siehe da: ihre Naht ist fast perfekt und gerade. «Jetzt kann ich Dir zeigen, wie man näht», sagt sie ihrer Tochter. Die Rollen sind nun wieder umgekehrt.: Nicole muss nicht mehr auf ihre Mutter aufpassen. Vor allem hofft Mónica Pérez, dass sie zukünftig mit Nähen oder Putzen wieder eigenes Geld verdienen und Nicole in die Schule schicken kann. Doch nicht nur Schönes erblickt sie nun: «Erst jetzt sehe ich, wie schäbig mein Haus ist, wie die Farbe abblättert, Bretter fehlen und Mehlsäcke als Wand herhalten müssen».

Drei Monate später wird das andere Auge operiert. Mónica Pérez, die vom Leben so schwer gebeutelt wurde, hat neue Hoffnung gefasst.

Augenklinik für Alle

Finanziert durch Schweizer CBM-Spenden, ist für die arme Bevölkerung um peruanischen Amazonas-Tiefland die erste Augenklinik gebaut worden. Im Herbst 2016 öffnete die Klinik Divino Niño. Im Jahr führt sie rund tausend Operationen am Grauen Star durch.

In der Region von Iquitos leben viele Hunderte am Grauen Star bereits erblindete Menschen. Um auch sie zu erreichen, unternimmt die Klinik regelmässig Ausseneinsätze und klärt über lokale Medien und Einflussträger auf. Noch betrachten viele Menschen eine Erblindung als vermeidliche Folge des Alterns oder gar eines eigenen Versagens.

Weil Divino Niño einen sehr guten Ruf hat, lassen sich auch Personen aus der schmalen wohlhabenden Schicht behandeln. Die Einnahmen daraus tragen zunehmend die Operationen für die arme Bevölkerung mit. So soll die Klinik von CBM-Spenden nach und nach unabhängig werden.

Wie Sie helfen können

Schenken Sie Augenlicht und damit neues Leben! Bei Kindern wird der Eingriff am Grauen Star unter Vollnarkose durchgeführt. Mit 180 Franken schenken Sie einem Kind die Sehkraft. Mit bloss 50 Franken ermöglichen Sie einer erwachsenen Person eine Graue-Star-Operation.

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