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Frauen mit Behinderungen ermächtigen

In Nepal sind auch dank CBM-Hilfe beachtliche Fortschritte gemacht worden bei der gesellschaftlichen Beteiligung von Frauen mit Behinderungen. Was die Herausforderungen beim Kampf für mehr Rechte sind und wie der Weg zur inklusiven Entwicklung aussehen muss, berichtet Laxmi Devkota im Interview.

Laxmi Devkota arbeitet im Vorstand der CBM-geförderten Nepal Disabled Women Association (NDWA; Nepals Verband der Frauen mit Behinderungen), für Nepals Verband von gehörlosen und hörbehinderten Menschen sowie im nationalen Zentrum für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die 52-Jährige hat infolge einer Typhuserkrankung in der Kindheit ihr Hörvermögen verloren. Sie lebt in Kathmandu, ist ausgebildete Gebärdensprachlehrerin und verheiratet.

Eine gehörlose Frau aus Nepal spricht in nepalesischer Gebärdensprache vor einem Publikum.
Laxmi Devkota spricht in Bern an der Tagung «Inklusive Entwicklung jetzt!» über die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in Nepal. Das Thema der Tagung war: 5 Jahre Behindertenrechtskonvention in der Schweiz und ihr Einfluss auf die schweizerische internationale Zusammenarbeit.

Welche Barrieren erleben gehörlose Frauen in Nepal?

Durch ihre Behinderung sind sie sozialen Barrieren ausgesetzt: Sie werden von Gesprächen und sozialen Aktivitäten ausgeschlossen, insbesondere innerhalb der Familie. Zu heiraten ist für sie ebenfalls sehr schwierig. Im täglichen Leben müssen sie in der Regel die anstrengenderen Aufgaben übernehmen wie Feldarbeit, Stall misten, Holz sammeln, Kleider und Geschirr waschen. Grundlegender werden ihnen aber auch Gesundheitsdienste, Schul- und Berufsausbildung vorenthalten. Das alles ist zurückzuführen auf die fehlende Möglichkeit, sich zu verständigen.

Sie unterrichten in Nepal gehörlose Frauen in nepalesischer Gebärdensprache. Welchen sozialen Hintergrund haben Ihre Schülerinnen?

Sie sind zwischen 18 und 25 Jahre alt und kommen aus sehr armen Verhältnissen. Aufgrund ihrer Hörbehinderungen haben sie nie die Schule besuchen können, sie sind gänzlich vom Bildungssystem ausgeschlossen gewesen.

Nepal wird von Männern dominiert. Was heisst das für Frauen mit Behinderungen?

In Nepal bestimmen Männer. Sie erhalten bessere Chancen, mehr Freiräume und mehr Respekt als Frauen. Die Situation von Frauen mit Behinderungen ist noch schlechter. Verglichen mit Männern mit Behinderungen werden ihnen die meisten Chancen gar nicht erst zugestanden. Zudem erleiden sie häufiger körperliche und psychische Gewalt, sowohl in der Familie als auch in der Öffentlichkeit. Doch dank zivilgesellschaftlicher Organisationen nimmt die Benachteiligung von Frauen in Nepal allmählich ab. Diese Organisationen werden oft von Frauen geführt. Zudem hat Nepal eine Präsidentin, und ein Drittel des Parlamentes sind Frauen. Allerdings sind diese Fortschritte vorderhand nur in den Städten zu beobachten und nicht in entlegenen Gebieten, wo die Situation noch immer schlecht ist.

Wie gehen Sie mit diskriminierenden Einstellungen von anderen Personen um?

Die meisten Nepali denken, eine Behinderung stamme von einer Sünde aus einem früheren Leben. Damit denken sie von vorneherein negativ über eine Person mit Behinderung. NDWA und andere Selbstvertretungsorganisationen leisten deshalb Bewusstseinsbildung und klären über die Ursachen von Behinderungen auf. Wir erläutern, dass auch Menschen mit Behinderungen Talente haben, sofern ihnen die Aufmerksamkeit und Chancen gegeben werden, die sie verdienen. «Schaut mich an», sage ich den Familien, «euer Kind kann einmal selbstbewusst und eigenständig sein wie ich.» Durch unsere kontinuierliche Sensibilisierungsarbeit haben sich Einstellungen verändert. So ist es uns beispielsweise gelungen, Frauen mit Behinderungen den Zugang zum staatlichen Ausweis für Menschen mit Behinderungen zu verschaffen. Damit erhalten sie zum Beispiel Vergünstigungen in öffentlichen Spitälern und Verkehrsmitteln. 

Wie hat sich die Zugänglichkeit für Sie als gehörlose Frau in den letzten zehn Jahren verbessert?

Die nepalesische Gebärdensprache ist inzwischen staatlich zertifiziert worden. Dies aber erst nach langer und harter Arbeit von uns Selbstvertretungsorganisationen. Nun wollen wir mehr Gebärdensprachdolmetschende ausbilden und vermitteln, die gehörlose Menschen im Alltag unterstützen können. Der Bevölkerung in Nepal ist die Gebärdensprache bewusster geworden. Familien sind eher bereit, sie zugunsten ihrer gehörlosen Kinder zu lernen. Und die nepalesische Telekommunikationsgesellschaft gewährt gehörlosen Menschen einen Preisnachlass für Videoanrufe. Unser Engagement für den Dienst von Gebärdensprachdolmetschenden in Krankenhäusern und Hotels setzen wir fort.

Was hat sich sonst für Frauen mit Behinderungen getan?

In Nepal haben nun mehr Frauen mit Behinderungen Zugang zu Bildung, von der Grundschule bis zum Gymnasium, sowie zu Arbeitsstellen, sei es im öffentlichen Sektor oder in der Privatwirtschaft. Auf Anfrage bieten wir Gebärdensprachdolmetschende für gehörlose Studentinnen und Studenten an. Die Situation hat sich in Nepal vor allem für gehörlose Frauen verbessert, aber auch für Frauen mit anderen Behinderungen – wenn auch noch auf insgesamt tiefem Niveau. 

Die CBM-geförderte NDWA hat 500 Mitglieder. Weshalb nicht mehr?

NDWA ist erst seit kurzem in verschiedenen Regionen, die von Ost- bis West-Nepal reichen, aktiv. Viele gehörlose Frauen und Mädchen leben in schwer zugänglichen Gebieten. Wir haben nicht genügend Ressourcen, um alle diese Frauen und Mädchen zu erreichen. Gleichzeitig fehlen Daten über die Anzahl an Frauen und Mädchen mit Behinderungen, die Art ihrer Behinderung und ihre Lebensumstände. Bei den meisten Familien müssen wir ausserdem viel Überzeugungsarbeit leisten. In der Regel unterstützen sie ihre Kinder mit Behinderungen nicht und kommen deshalb auch nicht aktiv auf uns zu. Sie glauben, Kinder mit Behinderungen hätten keine Fähigkeiten.

Wie erreichen Sie Frauen mit Behinderungen?

NDWA besucht die Dörfer in Zweierteams von drei Orten aus: von der Hauptstadt Kathmandu, von Kanchanpur im Westen und Morang im Osten des Landes.

Und wie beginnt die Zusammenarbeit mit Mädchen und Frauen mit Behinderungen?

Bei jedem Mädchen analysiert NDWA Talente und Bedürfnisse. Danach versuchen wir über unser Netzwerk eine zumeist handwerkliche Ausbildung für das Mädchen zu finden. Mit abgeschlossener Ausbildung ist es für die Mädchen einfacher, ihren Lebensunterhalt zu sichern. 

2015 ereignete sich in Nepal ein schweres Erdbeben. Was tut NDWA in der Katastrophenvorsorge?

Von diesem Erdbeben waren viele Menschen mit Behinderungen betroffen. Den Frauen unter ihnen stellte NDWA für einige Monate eine vorübergehende Unterkunft zur Verfügung. Seitdem hat NDWA begonnen, Schulungen zum Thema Katastrophenvorsorge durchzuführen. Wir sensibilisieren und motivieren andere Organisationen, damit sie Menschen mit Behinderungen in ihre Katastrophenvorsorge einbeziehen.  

Was hat Sie in den letzten 12 Monaten am meisten erfreut bei Ihrer Arbeit?

Trotz der Kommunikationsbarrieren, denen ich gegenüberstehe, konnte ich in die Schweiz reisen und mich und die Arbeit von NDWA mittels meiner beiden Übersetzerinnen vorstellen. Weil Nepal die UNO-Behindertenrechtskonvention im 2010 ratifiziert hat, können wir viele Sensibilisierungskurse für unterschiedliche Interessengruppen durchführen. Das erfreut und motiviert mich sehr.

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