«Vater der Niemandskinder»
4. September 2026
Luzerner Zeitung – Armut und Behinderung verstärken sich gegenseitig – ein Teufelskreis. Die Christoffel-Blindenmission durchbricht ihn seit über hundert Jahren. 2026 feiert sie den 150. Geburtstag ihres Pioniers Pastor Ernst Jakob Christoffel.
Sie ist eine der ältesten und grössten internationalen christlichen Entwicklungsorganisationen, die sich gezielt für Menschen mit Behinderungen einsetzt, die in den armen Regionen der Welt leben. Der ursprüngliche Fokus der Christoffel-Blindenmission (CBM) war insbesondere die Heilung von Blindheit respektive Vorbeugung, etwa durch die Behandlung des Grauen Stars. Heute hat sich die Arbeit der Mission auf ein breites Feld ausgeweitet, das von der Augengesundheit über Orthopädie und Rehabilitation, psychische Gesundheit, inklusive Bildung, zu Existenzsicherung, gemeindenaher inklusiver Entwicklung und humanitärer Hilfe in Krisengebieten reicht.
Eine übergeordnete Aufgabe der CBM ist das Durchbrechen der Wechselwirkung zwischen Armut und Behinderung: Behinderung führt oft zu Armut, und Armut erhöht das Risiko von Behinderungen – ein Teufelskreis, aus dem sich betroffene Menschen ohne Unterstützung kaum befreien können. Rund 80 Prozent der weltweit über einer Milliarde Menschen mit Behinderungen leben laut CBM in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Die Organisation arbeitet eng mit lokalen Einrichtungen zusammen, fördert Selbstbestimmung und setzt sich politisch für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Die CBM gilt als Pionierin des sogenannten «disability inclusive development».
Waisenhäuser in der Türkei
Die Ursprünge der CBM gehen auf das Engagement eines beherzten Kirchenmannes zurück, nach dem die Mission benannt ist: Der am 4. September 1876 in Mönchengladbach geborene Ernst Jakob Christoffel studierte Theologie in Basel und reiste 1904 als evangelischer Pastor in die heutige Türkei, wo er gemeinsam mit seiner Schwester die Leitung zweier von der Schweiz aus geführter Waisenhäuser übernahm. In den Einrichtungen lebten hauptsächlich Kinder von Opfern der blutigen Massaker, welche die Osmanen 1894 und 1896 an den Armeniern verübt hatten.
Christoffel und seine Schwester berichteten insbesondere von der ausweglosen Situation blinder und behinderter Menschen im Vorderen Orient. Die meisten rutschten tief in die Armut ab, und vor allem die Frauen hatten nur eine Überlebenschance, wenn sie ihre Körper verkauften. Christoffel beschloss daraufhin, sich voll und ganz um diese besonders benachteiligte und gefährdete Menschengruppe zu kümmern.
Der steinige Weg des Gründers
Christoffels Ansuchen um Unterstützung bei kirchlichen Organisationen in Europa blieb weitgehend fruchtlos. Im Jahre 1908 nahm der Pastor das «Heft» selbst in die Hand, reiste zurück in die Türkei und richtete die Missionsstation Bethesda ein als Auffangeinrichtung für Blinde, Taube und Menschen mit anderen schweren Behinderungen. Hilfe erhielt Christoffel aus privaten Kreisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwang Christoffel zur Rückkehr nach Deutschland, doch konnte er sich nach vielen Bemühungen 1916 freistellen lassen und in den Orient zurückkehren. Drei Jahre später musste er wegen einer allgemeinen Ausweisung das Land erneut verlassen und begab sich in den heutigen Iran, wo er seine Mission fortsetzte, indem er in Täbris und Isfahan Heime für behinderte Menschen einrichtete. 1943 geriet Christoffel in Kriegsgefangenschaft und konnte erst 1951 an den Ort seines wohltätigen Engagements in Isfahan zurückkehren, wo er sich bis zu seinem Tod am 23. April 1955 ausschliesslich dem Wohl seiner Schützlinge widmete.
Ernst Jakob Christoffel wurde ehrenvoll in Isfahan beigesetzt. In drei Sprachen, darunter in Deutsch, ist auf seiner Grabplatte zu lesen: «Hier ruht im Frieden Gottes Pastor Ernst J. Christoffel, der Vater der Blinden, der Niemandskinder, der Krüppel und Taubstummen nach über fünfzigjähriger Pionierarbeit.»
Christoffels Erbe
Der 4. September 2026 ist der 150. Geburtstag von Ernst Jakob Christoffel. Sein Wirken und seine Verdienste machen ihn bis heute zu einem ehrwürdigen Vorbild, da er von der Gleichwertigkeit jedes Individuums überzeugt war und sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für die Würde, Bildung und Zugehörigkeit der Schwächsten einsetzte - dies in einer Zeit der Ausgrenzung. Vielfach – und zu Recht – wird der Pastor als Vorreiter oder gar Pionier der Inklusion angeführt.
Des Pastors grosses Erbe, die Christoffel-Blindenmission, hat ihren Schweizer Sitz in Thalwil ZH, trägt seit 2009 das Zewo-Gütesiegel und ist Partnerorganisation der Glückskette.
Hinweis: Neben der Luzerner Zeitung erschien dieser Artikel auch in anderen Medien.

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