Die Verlorenen zurückholen
Adama Ouedraogo kümmert sich seit 15 Jahren um psychisch erkrankte, teils auf der Strasse lebende Menschen. Vor neun Jahren hat er, unterstützt von der CBM Schweiz, in Ouahigouya das erste und landesweit bislang einzige Rehabilitationszentrum eröffnet. Der 54-Jährige schildert Not und Hilfe im Interview.
Psychisch erkrankte Menschen werden benachteiligt?
Ja. Vorstellungen von Verhexung und göttlicher Strafe zirkulieren sowie die Angst, sie würden gewalttätig. Ihre Familien betrachten sie als Last, die Ehre beschmutzend, und sind ratlos. Sie werden geächtet, teils sogar angekettet. Wegen der generellen Armut, mangelnden Medikamenten und Fachpersonen bleibt eine erfolgreiche Behandlung aus. Die wenigen Ausnahmen finden kaum eine Anstellung; sie seien zu wenig produktiv, fürchten Arbeitgebende. Gesundheitspersonal führt rein körperliche Beschwerden oft auf die Psyche der Betroffenen zurück.
Wie wirkt sich dies auf die Einzelnen aus?
Sie fühlen sich unnütz, unfähig, ‚erledigt‘. Aus leidvoller Erfahrung, abgelehnt zu werden, meiden sie Kontakte. Ängste und Depressionen verstärken sich. Die Verstossenen unter ihnen streifen obdachlos umher; man nennt sie ‚Les Errants‘, die Umherirrenden.
Wie findet SAULER die psychisch erkrankten Menschen?
Über Freiwillige, die in Dörfern sensibilisieren, sowie über lokale, von uns ausgebildete Fachpersonen und Autoritäten. Ebenfalls über bereits sensibilisierte Personen aus der Bevölkerung.
Wie hilft SAULER?
Durch das Rehabilitationszentrum, durch ambulante Betreuung und Nachbetreuung, durch Sensibilisierung der Bevölkerung und lokaler Führungspersonen sowie Kurse für dörfliche Gesundheitsfachkräfte.
Schildern Sie bitte einen typischen Heilungsprozess.
Die Person wird ambulant oder im 24-Betten-Zentrum psychiatrisch-psychologisch betreut. Dort wird sie angeleitet, den Alltag wieder selber zu meistern. Dazu gehören Körperpflege, Putzen, Kochen, Gartenarbeit und Tiere besorgen. Nach Monaten hat sie sich stabilisiert. Nun wird sie und das nähere Umfeld ambulant bei der stufenweisen Reintegration begleitet. Zur beruflichen Integration unterstützen wir 60 Personen gleichzeitig; sie erhalten Ausbildung sowie ein Startpaket wie Geräte, Tiere und Saatgut. Sie bewähren sich, wodurch sie wieder als gleichwertig respektiert werden. Manche von ihnen ermutigen jene, die bei ihrer Eingliederung Anfang stehen – was die Wirksamkeit maximiert.
Welche grossen Herausforderungen gibt es?
Viele Betroffene setzen ihre Medikamente ab, sobald sie sich besser fühlen. Oft fehlt der Familie auch das Geld für die Behandlung. Rückfälle sind dann nahezu unvermeidlich. Zudem erleben stabilisierte Personen in ihrem Umfeld häufig weiterhin Spott und Ausgrenzung, was ihre Genesung erschwert.
Hinzu kommt die grosse Armut im Norden Burkina Fasos. Viele Familien müssen sich zwischen Nahrung und Medikamenten entscheiden. Um die Versorgung langfristig zu sichern, möchten wir einen Fonds für unverzichtbare psychiatrische Medikamente aufbauen.
Was unternimmt SAULER für die landesweite Versorgung?
Gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden arbeiten wir daran, ein verlässliches Verteilnetz für psychiatrische Medikamente aufzubauen. Gleichzeitig bilden wir Pflegefachpersonen in grundlegender Psychiatrie aus. Zudem planen wir mobile Sprechstunden, um Menschen in abgelegenen Regionen besser zu erreichen.
Welche weitern Folgen hat die schwere Sicherheitskrise?
Unter den rund zwei Millionen Binnenvertriebenen leiden viele Menschen an den Folgen traumatischer Erlebnisse. Posttraumatische Belastungsstörungen nehmen stark zu. Deshalb bilden wir zusätzliches Fachpersonal aus.
Gleichzeitig erschwert die Sicherheitslage die Versorgung mit Medikamenten im Norden des Landes erheblich.
Wie wird die Rückkehr in die Familie vorbereitet?
Unsere Sozialarbeitenden besuchen die Familien bereits vor der Rückkehr. Sie erklären die Erkrankung, bauen Ängste ab und bereiten die Wiedereingliederung gemeinsam vor. Dabei wird vereinbart, dass die Familie die betroffene Person unterstützt und auf die regelmässige Einnahme der Medikamente achtet.
Zusätzlich erhalten die Betroffenen eine Ausbildung sowie eine Starthilfe für den Aufbau eines eigenen Einkommens, etwa in der Tierhaltung oder im Handwerk. Viele von ihnen erhalten zudem erstmals eine Identitätskarte. Dadurch werden sie von Behörden anerkannt und können ihre Rechte besser wahrnehmen.
Worauf wird bei der Wiedereingliederung geachtet?
Wir bleiben auch nach der Rückkehr in engem Kontakt mit den Familien. Bei Hausbesuchen oder telefonischen Gesprächen beobachten wir die Entwicklung der betroffenen Person und achten auf mögliche Rückfallrisiken.
Gleichzeitig überprüfen wir die Medikamenteneinnahme und stellen sicher, dass medizinische Kontrollen regelmässig stattfinden. Auch die wirtschaftliche Entwicklung wird begleitet, damit die Betroffenen schrittweise ein selbstständiges Leben aufbauen können.
Die psychische Gesundheit von obdachlosen Menschen und Binnenflüchtlingen wird gestärkt. Zentrum der Organisation «Sauvons le Reste» (SAULER)
Wer wird ins Zentrum aufgenommen?
Vorrang haben Menschen, die obdachlos, verwahrlost oder stark gefährdet sind. Unser Zentrum ist dauerhaft ausgelastet.
Viele weitere Betroffene werden deshalb ambulant und gemeinsam mit ihren Familien betreut. Sie erhalten die nötigen Medikamente und werden regelmässig von unseren Mitarbeitenden begleitet.

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