Armutsblindheit überwinden

Seit 14 Jahren arbeitet Dr. Ute Dibb-Wiehler an der Norton Klinik, im Zentrum Simbabwes, die von der CBM unterstützt wird. Was sie als Augenärztin erlebt, schildert sie im Interview.

Acht von zehn blinden Menschen hätten das Augenlicht nicht verlieren müssen. Welche Rolle spielt die Armut?

Ein grosse! Kaum jemand kann sich eine Krankenversicherung leisten. Viele Personen haben keine feste Anstellung. Bis der Betrag für eine Operation und die Anreise zusammenkommt, dauert es. Hinzu kommen Kosten für die Anreise, da es bis zu einer funktionierenden Klinik mit Augenabteilung weit sein kann. Da blinde Menschen nur schwer allein reisen können, müssen Angehörige mitkommen. Auch das kostet Geld.

Und da Augenoperationen nicht «absolut lebensnotwendig» sind, werden Behandlungen oft aufgeschoben, bis es wirklich nicht mehr geht. So bleiben Menschen lange blind, weil sie arm sind. Für manche Krankheitsbilder spielt die Zeit keine Rolle, für andere ist es dann aber schon zu spät für eine Behandlung.

Welche Erkrankungen herrschen vor?

Ganz vorne liegt der Graue Star (Katarakt) mit gut der Hälfte der vermeidbaren Erblindungen. Danach kommen der Grüne Star (Glaukom) und Fehlsichtigkeiten. Beim Grauen Star kann man in einer kurzen Operation das Sehvermögen wiederherstellen. Der Grüne Star braucht Augentropfen und teils eine Operation. Aber wenn er spät erkannt wird, lässt sich der Sehverlust nicht rückgängig machen. Fehlsichtigkeiten lassen sich durch eine Brille beheben.

Viele befürchten, die Operation am Grauen Star könnte misslingen, sie könnten danach völlig blind sein, oder dabei sogar sterben. Woher stammen solche Ängste?

Unwissenheit spielt sicherlich eine grosse Rolle. Viele unserer Patientinnen und Patienten waren noch nie in einem Krankenhaus und haben keine Vorstellung davon, was eine Augenoperation sein könnte. Aber es gibt natürlich auch Fälle, in denen eine Operation mal keine Verbesserung gebracht hat. Vielleicht weil das Augenlicht nicht mehr zu retten war, vielleicht weil etwas schief gegangen ist. Nicht alle Kliniken in Simbabwe sind gut ausgestattet.

Und während ein zufriedener Patient nach seiner Operation vielleicht ein bis zwei weitere Menschen davon überzeugt, sich behandeln zu lassen, hält eine missglückte Operation ein ganzes Dorf davon ab, in die Klinik zu gehen. In unserer Klinik legen wir sehr grossen Wert auf qualitativ gute Behandlungen und die Sicherheit der Operationen.

Wie wichtig sind Aufklärung und Vorsorgeuntersuchungen verglichen mit der Arbeit im Operationssaal?

Beides ist sehr wichtig. Eine genaue Vorsorgeuntersuchung ermöglicht eine gute Einschätzung der Erfolgschancen. Und wir können dann genauer aufklären. Hinzu kommt, dass einige Menschen mehrere Erkrankungen haben. So können wir bei einer Person beispielsweise ihren Grauen Star beheben, aber ihre seit vielen Jahren bestehende Vernarbung der Hornhaut lässt sich nicht behandeln. In einem solchen Fall lässt sich also nur ein eingeschränktes Sehvermögen erzielen. Es ist somit wichtig, dass ein Patient im Vorfeld möglichst umfassend informiert wird. Aber natürlich ist im Operationssaal immer noch absolute Präzision, gute Ausstattung und ein eingespieltes Team notwendig, um alles zum Erfolg zu bringen.

Was müsste sich in Simbabwe dringend verbessern?

Vor allem bei der Ausbildung und Ausstattung. In der Ausbildung der Chirurginnen und Chirurgen hapert es etwas, da in den Ausbildungskliniken nur wenig operiert wird. Zum Teil fehlt es auch dort an Basisgeräten. Die Qualität der Behandlung steht nicht überall zuvorderst.

Die Ausbildung des Augenpflegepersonals ist gut, aber die Absolventinnen und Absolventen werden oft ohne Geräte in die Distrikte geschickt und können so nur sehr eingeschränkt Untersuchungen durchführen.

Im Gesundheitswesen insgesamt ist die Ausstattung schwierig. Es mangelt oft an Strom und fliessendem Wasser in Spitälern, vor allem in den Provinzen. Deshalb bleiben Augenspezialistinnen und -spezialisten lieber in den grossen Städten, und einfache Operationen wie die am Grauen Star sind dann in vielen Gegenden nicht verfügbar.

Wie beteiligen sich Staat, Behörden sowie wie der Privatsektor?

Theoretisch verfügt jede Provinz über mindestens eine Augenärztin oder einen Augenarzt, und jeder Distrikt über mindestens eine spezialisierte Augenpflegekraft. Aber sie können oft nur sehr eingeschränkt arbeiten, da sie zum Beispiel keine Augentropfen, keine Operationsmesser, keine Ersatzbirnen für das Operationsmikroskop oder auch einfach nur keinen Strom haben – von Medikamenten mal ganz abgesehen. Da gibt es viele Schwierigkeiten.

Der Privatsektor hält sich zurück. Es gibt ab und zu mal Initiativen für Camps, bei denen mobile Klinikteams in kleinen Krankenhäusern in ländlichen Regionen operieren. Aber bei der grossen Zahl an Menschen, die in Simbabwe blind sind oder eine Sehbehinderung haben, und bei der sehr grossen Zahl an noch nicht operierten Personen mit Grauem Star ist das nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Was bewirkt die Unterstützung durch die CBM?

Sie hilft bei der Ausstattung. Medizinische Geräte sind oft teuer, und so ist eine Anschaffung vor Ort nur sehr schwer zu stemmen. Beim Kauf der Verbrauchsmaterialien ermöglicht die Unterstützung durch die CBM, die Operationen günstig oder gar kostenlos anzubieten.

Ihre Unterstützung bei der Finanzierung von Operationscamps erlaubt es uns, unsere augenmedizinischen Dienste dichter an die Patientinnen und Patienten in ländlichen Regionen heranzubringen und ihnen lange, kostspielige Reisen zu ersparen.

Und letztendlich, und das hat ebenfalls eine grosse Wirkung, unterstützt uns die CBM auch beim Training von Augenpflegekräften. Wenn wir sie gut ausbilden und sie mit einfachen, aber guten Geräten zur Untersuchung ausstatten, dann profitieren die Patientinnen und Patienten flächendeckend unter anderem von einer besseren Qualität der klinischen Untersuchung und Behandlung sowie von gezielteren Überweisungen.

Wie sieht ein üblicher Arbeitstag bei Dir aus?

An Operationstagen – zweimal pro Woche – sind wir zwei Operierende mit einem sehr routinierten Team. Wir haben jeweils 30 bis 40 Operationen. Sind wir fertig, sehe ich meist noch ambulante Patientinnen und Patienten an. Danach ist Zeit für Organisation und Logistik. Wir haben letztes Jahr 2'700 Operationen durchgeführt. Da ist es essenziell, immer genug Vorräte zu haben.

An den Ambulanztagen sind wir sechs Pflegende und ein bis zwei Ärzte, aber die Ambulanz ist immer voll. Für die beste Behandlung müssen wir oft komplexe Entscheidungen fällen.

Wo hast Du gearbeitet, bevor Du nach Simbabwe kamst?

Mein erster Einsatz mit der CBM war in Lahan, Nepal, wo ich zwei Jahre arbeitete. Dort habe ich vor allem das Operieren gelernt, aber auch die doch etwas andere Behandlung von Augenkrankheiten in einem Entwicklungsland. Anschliessend war ich für knapp zwei Jahre in Malawi. Dort hatte ich die Leitung der zweitgrössten Augenklinik des Landes. Mittlerweile lebe ich seit 14 Jahren in Simbabwe.

Was begeistert Dich nach wie vor an Deiner Arbeit?

Dass wir mit relativ wenig vielen Menschen so wirksam helfen können. Die Veränderungen in einem Gesicht, in der Körperhaltung, der Bewegung zu sehen, wenn ein Mensch oft nach Jahren der Blindheit auf einen Schlag wieder sehen kann, ist immer wieder einfach toll. Und wenn ich «mit relativ wenig» sage, dann sind da natürlich unter anderem jahrelange Ausbildung, Geräte, Hygiene und Sterilisation sowie Operationsmaterialien mitgemeint. Aber für die Patientinnen und Patienten sind es einfach zehn Minuten, und danach ein paar Augentropfen. Das ist sehr wenig, wenn man den so grossen Effekt bedenkt.

Bitte schildere uns ein Erlebnis, das Dich besonders berührt hat.

Eine 17-jährige Jugendliche war seit einem Jahr am Grauen Star erblindet, mittellos, und hatte ein drei Monate altes Baby. Sie sass mit eingezogenem Kopf und hängenden Schultern da, den Blick ins Leere, ausdruckslos. Sie sprach nie.

Am Tag nach der Operation zeigte sich ein sehr gutes Sehvermögen, und ich schrieb noch Anweisungen. Da sprang sie auf, mit geradem Rücken, aufgerichtetem Blick, schnappte sich ihr Baby – das sie zuvor noch nie gesehen hatte – und wollte gehen. Kein Lächeln oder Innehalten. Da war ein Mensch, der es gar nicht erwarten konnte, das Leben wieder selber in die Hand zu nehmen. Ihre wortlose Energie hat mich stark beeindruckt. Was ein Glück, dass wir ihr helfen konnten.

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